• Arbeit
  • Literatur
  • Medien
  • Musik
  • Politik
  • Unternehmen
  • X
Episode Thema Kategorie

'Man darf es sich mit der Systemrelevanz nicht zu leicht zu machen'

In unserem 4. Kaffeesatz Podcast geht es mit dem HR-Blogger Stefan Scheller aus Nürnberg um Systemrelevanz, was ihn zum Aufruf #HRvsCoronaKrise auf linkedIn bewogen hat, wie er mit seiner Angst aufgrund der aktuellen Situation umgeht und was er aus Personalmarketing Sicht in diesen Zeiten als besonders wichtig empfindet.

Außerdem plaudert er aus dem Nähkästchen wie es überhaupt dazu kam, dass er seinen Blog ‚persoblogger‘ gestartet hat, wie er das Thema New Work im allgemeinen und bei seinem Arbeitgeber Datev sieht und welche speziellen Herausforderungen Personaler*innen aktuell mit der nun viel schneller sich entwickelnden Digitalisierung im Recruiting meistern müssen.

Alles zum Thema Recruiting und Personalmarketing könnt ihr in seinem Blog finden, der inzwischen zu einer HR-Plattform gereift ist.

Folgt Stefan gerne auf Twitter, Instagram oder linkedIn.

#HR #recruiting #corona #employerbranding #csr #podcast #blogger #humanresources #linkedIn #nürnberg #baby #fotografie #schwangerschaft #hackathon #personalberatung #headhunter #engagement

Unser bester Kaffeessatz für dich! Wir wollen unsere OHRBEIT Vision vertonen und geben dir Einblicke in die Themen Diversity, Datenschutz, New Work, Idealismus und vieles andere. Wir lassen Leute zu Wort kommen, die ihr Hobby zum Beruf gemacht haben, die sich für neue Arbeitsformen in Unternehmen einsetzen, die mit voller Leidenschaft für eine Gleichberechtigung aller kämpfen und die einen wertvollen Beitrag zur Weiterentwicklung unserer Gesellschaft leisten.
00:00
Stefan: Wer hält die Gesellschaft den Staat, die Wirtschaft am Laufen? Sehr schnell wird prognostiziert: Alles, was nicht in Richtung Logistik, Medizin, Lebensmittel und Co. geht sei überflüssig.
00:25
Alex: Liebes OHRBEIT-Publikum, hier ist Alex - und der Grund für unsere heutige Kaffeesatz-Folge ist, dass mich über LinkedIn ein Aufruf erreicht hat, und zwar vom Persoblogger Stefan Scheller. Stefan betreibt seit einigen Jahren einen sehr erfolgreichen HR-Blog namens Persoblogger und ist damit einer der sichtbarsten HR-Experten, unter anderem zu den Themen Recruiting, Personalmarketing und Employer Branding. Im Hauptberuf ist er für die Arbeitgeberkommunikation bei seinem Arbeitgeber, der DATEV in Nürnberg verantwortlich, und sein Aufruf betrifft das Thema Corona. Unter dem Hashtag #HRvsCoronaKrise werden auf LinkedIn Beiträge von verschiedensten Experten aus dem Bereich HR gesammelt und veröffentlicht. Die Artikel befassen sich mit Lösungen, Verbesserungen, Maßnahmen und Innovationen im Bereich HR und Recruiting, Personal und Personalmarketing, sodass auch dieser Fachbereich in der Krise helfen kann und über sie hinaus nachhaltig wirksam bleibt.
01:32
Alex: Meine erste Frage an ihn war, ob die potenzielle, eigene berufliche Überflüssigkeit seinem Dasein als Personalmarketer zu schaffen macht.
01:42
Stefan: Zunächst danke, dass ich da sein kann. Ja, das Thema Überflüssigkeit ist gerade stark in der Diskussion. Alle reden davon: Wer ist für ein System relevant, meinen damit momentan aber meistens den gesamten Staat. Wer hält die Gesellschaft, den Staat, die Wirtschaft am Laufen? Sehr schnell wird prognostiziert: Alles, was nicht in Richtung Logistik, Medizin, Lebensmittel und Co. geht ist überflüssig. Ich habe am Anfang auch so reagiert und dachte: "Ja, wer braucht Personalmarketing, wenn es hart auf hart kommt?" Ich glaube, man darf es sich aber nicht zu leicht machen. Ich arbeite z. B. für ein Unternehmen, das hochgradig systemrelevant ist: Die DATEV trägt Verantwortung für die Daten von mehr als zweieinhalb Millionen Unternehmen in Deutschland. Wenn das nicht funktioniert, sprich: uns Mitarbeiter fehlen, dann hat auch das System einen relevanten Mangel. Insofern ist Personalmarketing, das dazu beiträgt, Mitarbeiter darüber zu informieren, wo sie arbeiten können durch die Hintertür doch systemrelevant. Es ist ein sehr schwieriges Thema.
03:04
Alex: In Deinem Beitrag zum Blog #HRvsCoronaKrise, den ich schon eingangs erwähnt habe, habe ich gelesen, dass Du und Deine Frau, die als Photografin tätig ist, bereits seit längerer Zeit im Krisen-Vorsorgemodus seid. Kannst Du das näher erläutern?
03:19
Stefan: Ja, gern. Meine Frau ist selbstständig. Gemeinsam haben wir ein Spezial-Photografiestudio für newborn-, Kinder- und Schwangerschaftsphotografie aufgebaut. Vor kurzem haben wir ein Shootinghaus mit entsprechendem Garten angemietet. Hier in Bayern bestehen derzeit Ausgangsbeschränkungen, die letztlich fast wie eine Ausgangssperre wirken. Das heißt: Kundinnen können nicht mehr ins Studio kommen. Von jetzt auf gleich sind die Einnahmen auf null gefallen, die Ausgaben bleiben jedoch erhalten. Das hat mit dem Thema Systemrelevanz zu tun: Der leicht-flockige Begriff "nicht systemrelevant" wird in ganz anderem Ausmaß spürbar, da es eine existenzielle Gefährdung ist, wenn wir die Situation nicht durch zusätzliche Einnahmen in den Griff bekommen. Sehr schnell sind gut gefüllte Auftragsbücher, ein toller Name, eine super Brand im Markt nichts mehr - oder ganz wenig - wert.
04:28
Alex: Habt Ihr schon Ideen, wie man dies spontan umswitchen könnte, oder ist zunächst ein wenig Abwarten angesagt?
04:38
Stefan: Es geschehen durchaus recht positive Dinge, auch in dieser Krise - in diesem Falle über eine ganze Branche hinweg. Die Community der Kinder- und Babyphotografinnen in Nürnberg starten gemeinsame Aktionen über all ihre Kanäle: Sie posten beispielsweise Informationen, wie Schwangere oder Eltern von kleinen Babys selbst Photos machen können. Diese sind natürlich nicht perfekt, aber es gibt Tipps, wie man Sets aufbaut. Meine Frau hat z. B. einen Video-Podcast aufgenommen, der erklärt, wie man schöne Osterkarten-Sets oder Ähnliches herstellt, um für die Zeit nach der Krise mit der Zielgruppe in Kontakt zu bleiben.
05:24
Alex: Das Thema "gemeinsame Aktionen" kann man ja sehr gut auch auf Deinen Aufruf #HRvsCoronaKrise via LinkedIn münzen: Dies war ja im Prinzip auch ein Aufruf, sich zusammenzuraufen und zusammen Ideen zu sammeln. Das hat vielleicht ein wenig von einem Hilferuf an jeden Einzelnen. Liege ich damit richtig?
05:39
Stefan: Ja, definitiv.
05:51
Alex: Hast Du das aus der Überlegung heraus gemacht, dass Du sofort Auswirkungen gespürt hast, zum einen während Deiner Arbeit im Personalmarketing bei DATEV, zum anderen bei Deiner nebenberuflichen Tätigkeit als Blogger im HR-Bereich?
06:08
Stefan: Konkreter Auslöser für diese Aktion - oder den Gedanken dazu - war der von der Bundesregierung initiierte Hackathon am vergangenen Wochenende. Beim "WirVsVirus"-Hackathon haben sich 40.000 Menschen Gedanken dazu gemacht, wie sie in dieser bisher nicht dagewesenen Krisensituation Sinnvolles zu Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Ähnlichem beitragen können. Ich habe aus sehr persönlichem Interesse teilgenommen. Ich dachte: Ich erkenne das Ausmaß, das die Krise haben wird, und stecke zwar aktuell nicht zu operativ in den Dingen, spüre aber über die familiäre Situation die Angst am eigenen Leibe und sage: Da muss man etwas tun. Hier kommt sicher auch das typische Mitteilungsbedürfnis, das man als Blogger hat, zum Tragen: Man möchte etwas erreichen, etwas zum Positiven verändern. All das hat eine Rolle gespielt - deshalb habe ich mich beteiligt. Ich nehme in Bezug auf DATEV und unsere dortige Tätigkeit zunächst wahr, dass wir deutlich mehr Arbeit haben. Viele Berater fragen und sagen: "Was kannst Du mit der ausgedehnten freien Zeit tun? Schaue auf Deine Prozesse, mache dieses und jenes." Aus meiner Sicht zeigt sich hier ein grobes Unverständnis für Personaler. Diese haben aktuell zunächst deutlich mehr zu tun: Sie müssen schauen, wie sie ihre gesamte Belegschaft organisieren und auf die Schnelle Prozesse digitalisieren, ohne große Vorbereitung Vereinbarungen treffen, vielleicht auch Betriebsvereinbarungen neu schließen, z. B. bezüglich Gesundheitsvorsorge und Ähnlichem. Das heißt, jetzt ist eigentlich zunächst mehr Arbeit da. Wenn man also sagt: "Das ist nicht systemrelevant", dann stimmt das vielleicht, aber Personaler werden im Grunde aktuell mehr gebraucht denn je. Das war der Auslöser dazu zu sagen: Lasst uns eine Blogparade starten, in der wir ganzheitlich darüber nachdenken, was Personal, bzw. der Personaler - nicht nur im Recruiting - tun kann, um die Situation zu verbessern.
08:21
Alex: Ich denke auch, dass Personal, im weitesten Sinne gedacht, durchaus eine Relevanz hat, da viele Leute ihre Jobs verlieren bzw. aktuell nicht wissen, was sie tun sollen, wenn sie in gewissen Branchen arbeiten. Spannend fand ich einen Beitrag von Ina Ferber, einer Personalberaterin. Sie hat dazu aufgerufen, aktuell nicht abzuwerben - weder von systemrelevanten Berufen, wie zum Beispiel dem Lungenfacharzt, der natürlich in Ruhe gelassen werden sollte, noch von der Automobilindustrie oder der Chemie, die aktuell auf neue Formen der Produktion umstellen. Hier stimme ich zum Großteil zu, möchte dies aber gern aus Deiner externen Sicht heraus mit Dir besprechen: Man sieht ja auch, dass z. B. jemand wie eine Fachkraft aus der Tourismusbranche, die gerade hadert, durch einen Recruiter oder Personalberater vielleicht durchaus neue Hoffnung aufgezeigt bekommt. Wie ist Deine Meinung dazu?
09:24
Stefan: Gestern habe ich einen Newsletter von einer großen Stellenbörse erhalten. Dessen Header lautete: "In Österreich haben aufgrund der Corona-Krise bereits zehn Prozent der Arbeitnehmer ihren Job verloren." Ich bin ganz entsetzt, wenn ich so etwas lese, da wir ja ganz am Anfang stehen und zehn Prozent eine ordentliche Hausnummer sind. Anhand dessen kann man sich vorstellen, was künftig an Herausforderungen auf uns zukommt. Wie löst man die Situation? Ich glaube, wir sollten jetzt anfangen ganzheitlich zu denken, sprich, nicht nur darüber nachzudenken, was wir als Unternehmen für uns tun können, wie es uns besser gehen kann. Dann nämlich kommt man sehr schnell auf die Idee, alle freizustellen, radikal Kosten zu reduzieren. Damit sparen wir uns gesund, verlagern das Problem aber letztlich auf die gesamte Gesellschaft, beispielsweise alle Händler, die aktuell erst einmal Kurzarbeit in Anspruch genommen haben und nun sagen: Der zweite Schritt sind Entlassungen, dann Massenentlassungen. Das führt dazu, dass es in der Gesamtkonjunktur, der Gesamtwirtschaft deutlich weniger Kaufkraft gibt - und damit auch die eigene Zukunft gefährdet wird. Es braucht Lösungen, die sagen: Was kann mit den verfügbaren - auch wenn es ein bißchen kalt klingt bewusst gesagt - personellen Ressourcen, mit der Arbeitskraft Sinnvolles getan werden, und zwar möglicherweise nicht nur im Unternehmen, sondern auch in Kooperation mit anderen Unternehmen oder für Staat und Gesellschaft? Sprich: Volunteering oder Ähnliches im Bereich Corporate Social Responsibility, wie es so schön heißt?
11:08
Alex: Ja, an dieser Stelle sprichst Du sicherlich auch auf Deinen eigenen Beitrag an, der sich darauf bezieht bzw. zusammenfasst, dass Arbeitgeber nach Möglichkeit Mitarbeiter freistellen sollten, um kritische Situationen, wie z. B. "Hilfe bei der Ernte" zu meistern. Solche oder auch weitere freiwillige Unterstützungen stärken in dieser Zeit die Arbeitgebermarke, bestehen aber im ersten Schritt vor allem aus sozialer, solidarischer Arbeit.
11:27
Alex: Ist Volunteering etwas, das Du auch intern bei der DATEV vorschlägst? Wie wird es aufgenommen?
11:45
Stefan: Ich habe den Vorschlag intern bei der DATEV nicht direkt eingebracht. Ich weiß, dass er wahrgenommen und gelesen wird. Ich weiß aber auch, dass mein Vorschlag eher in Richtung Zukunft gedacht ist, dass die Unternehmen selbstverständlich zunächst ihre grundlegenden Prozesse aufrechterhalten müssen. Auch müssen sie schauen, dass ihre Kunden, die in unserer Genossenschaft auch Eigentümer sind, bestmöglich versorgt sind. Im nächsten Schritt kann man neu denken. Dass ein Blogger natürlich schon den zweiten oder dritten Schritt mitdenkt, ist genauso klar, wie die Veröffentlichung dieser Gedanken. Ich erwarte von keinem Unternehmen, dass es sofort aufspringt, aber ich pflanze gern einen Samen ein und sage: Lasst uns überlegen, was wir tun können, wenn wir uns gerichtet haben. Unabhängig davon sagten meine Recruiting-Kolleginnen bereits gestern in einer privaten WhatsApp-Gruppe: Schaut einmal, dort ist ein Link zum Thema "Spargel-Erntehelfer". Sie denken darüber nach, am Wochenende oder Ähnliches zu unterstützen. Das heißt: Es reift durchaus. Es geht nicht einmal darum, dass der Arbeitgeber Vorgaben macht. Prinzipiell ist schön, wenn seitens der Mitarbeiter Eigeninitiative besteht und das Unternehmen sagt: "Ihr habt die Freiheit, in Gleitzeit, oder bei sonstigen guten Arbeitszeitregelungen, etwas Gutes, auch außerhalb des Unternehmens, zu tun."
13:26
Alex: Bei Deiner Nebentätigkeit würde mich etwas Grundsätzliches interessieren: Du hast gerade gesagt, dass Du gern einen Samen, einen Gedanken in die Öffentlichkeit pflanzt. Doch es ist ja nicht für jedes Unternehmen selbstverständlich, dass in Fachabteilungen jemand sitzt, der in der Öffentlichkeit ein wirklich gewichtiges Wort hat, ähnlich Dir als Persoblogger in diesem Fachbereich. Wie begann es: Hast Du einfach angefangen zu bloggen? Hast Du Deinen Arbeitgeber gefragt? Wie hat sich das Ganze in der Anfangszeit entwickelt?
14:02
Stefan: Um ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern: Das Ganze begann im Jahr 2013. Ich hatte intern gegenüber einer Führungskraft aus dem Personalbereich, die heute nicht mehr bei uns tätig ist, einen Vorschlag unterbreitet, wie man unseren DATEV Karriereblog ein wenig mit tiefen Infos über Arbeitgeber, Siegel oder Ähnlichem bespielen könnte. Nicht nur im positiven Sinne, sprich: über unsere tollen Bewertungen sprechen, sondern auch kritisch hinterfragen: Was sind diese Siegel tatsächlich wert? Die damalige Antwort lautete: "Herr Scheller, das können Sie gern privat machen, aber es hat nichts auf einem Unternehmensblog zu suchen." Aus der Frage: "Warum sollte ich das privat machen?" wurde irgendwann: "warum eigentlich nicht?" Das bedeutet: Ich habe angefangen, mein persönliches Sendungsbewusstsein privat auszuleben, den Markt, die Personaler, deren Prozesse zu hinterfragen. Es ist ein spannendes Feld, da ich einerseits Teil des Systems bin, es aber andererseits selbst bewusst hinterfrage und kritisiere.
15:10
Alex: Ich denke, dass dadurch der Arbeitgeber auch sehr stark profitiert: Eine Brand auch durch kritische Auseinandersetzung mit einem Thema sicher aufzubauen kann nur positiv sein. Hast Du grundsätzlich negatives Feedback auf gewisse Beiträge, intern beim Unternehmen oder aus Deinem direkten Umfeld, erhalten?
15:42
Stefan: Negative nicht wirklich - es kommt viel Positives. Ich versuche manchmal intern Menschen zum Nachdenken zu bringen - das machen wahrscheinlich alle durch das, was sie extern schreiben. Die spannendsten und häufigsten Reaktionen erhalte ich, wenn ich auf kununu Stellungnahmen abgebe, insbesondere gegenüber kritischen Bewertungen. Ich lasse es mir nicht nehmen, in meinen Antworten einem kritischen Bewerter zu sagen: "Stimmt, da hast Du Recht - das gefällt mir bei uns auch nicht." Oder: "Da haben wir Schwierigkeiten, aber ich weiß, dass wir mit Maßnahme X oder Z daran arbeiten." Durch dieses tatsächlich auch kritische Hinterfragen der eigenen Organisation, der eigenen Tätigkeit, nicht nur jener der anderen, entsteht aus meiner Sicht eine erhöhte Glaubwürdigkeit bei den Leserinnen und Lesern. Davon profitiert auch das Unternehmen.
16:50
Alex: Ich würde gern auf ein Thema zu sprechen kommen, das aktuell in aller Munde ist, nämlich das Thema Homeoffice. Mir stößt immer ein bißchen auf, dass New Work mit Homeoffice gleichgesetzt wird oder andersherum. In meinen Augen ist Homeoffice nur ein ganz, ganz kleiner Bruchteil. Es geht in meinen Augen bei New Work um neue oder die Abschaffung von Führungsprozessen, mehr Selbstverantwortung des Teams, gruppendynamische Prozesse und so weiter. Mich würde grundsätzlich interessieren, wie ihr das bei der DATEV handhabt - mit den Themen New Work, aber auch mit dem Bruchteil Homeoffice, und wie dies in diesen Tagen für Euch war.
17:35
Stefan: Nachdem wir uns tatsächlich schon viele Jahre mit diesen Themen beschäftigen, und zwar nicht nur mit Homeoffice, sondern mit allem, was zum Bereich New Work zählt, fiel die Umstellung verhältnismäßig leicht. Wir sind zum einen ein Software-Unternehmen, das heißt digitale Zusammenarbeit und auch Homeoffice, agiles Arbeiten in entsprechend agilen Teams. Das kommt ja alles aus der Software-Entwicklung. Diese Methoden, Welt und Gedankenwelt, da sind wir schon verhältnismäßig weit fortgeschritten, was ein "damit Beschäftigen" angeht. Zum Thema New Work hast Du grundsätzlich absolut recht. Ich empfinde es als Verknappung auf fancy Möbel, Homeoffice und Obstschale. Das ist nicht das, was wir intern unter New Work verstehen. Wenn ich über New Work spreche, orientiere ich mich gern an der New Work Charta von humanfy. Sie beruht auf fünf Prinzipien: Ein Prinzip ist Freiheit, das zweite Selbstverantwortung, das dritte Sinn, schließlich folgen Entwicklung und soziale Verantwortung. Wenn man diese Prinzipien berücksichtigt, kann ich an vielen Beispielen festmachen, warum wir als DATEV in den letzten Jahren schon einen guten Schritt, ein gutes Stück Weg in Richtung New Work gegangen sind. Schönes Beispiel: Wir haben ein DATEV Lab, in dem wir uns seit einigen Jahren innerhalb der Organisation, aber auch in völlig anderem Umfeld mit Zukunftsthemen, Innovationen und Ähnlichem beschäftigen. Es ist nichts "Abgesondertes", sondern Mitarbeiter können bei uns über eine gewisse Zeit direkt in diesem Lab mitarbeiten. Beispielsweise war ich zu Beginn der Zukunftsstudie zum steuerberatenden Beruf sieben Wochen freigestellt, um im DATEV Lab mitzuexperimentieren. Wir haben auf Unternehmensebene und in Richtung Kunde mit hunderten Teilnehmern sehr viele offene Dialoge, Formate wie Barcamps oder so genannte CoCreationCamps durchgeführt. In den letzten Jahren haben wir sehr stark von so genannten Communities of Practice profitiert. Heute würde man sagen, das sind eine Art Graswurzelbewegungen, in denen Menschen, die etwas erreichen möchten, sich zusammenschließen. Da gibt es zum Beispiel die Software Crafts-Community, die Software-Handwerker. Diese hat mehrere hundert Mitglieder allein bei uns im Unternehmen. Die Mitglieder sind stark vernetzt, auch mit externen Software Crafts-Menschen weltweit, und veranstalten Vieles. Wenn man diese wenigen Beispiele in Summe betrachtet sind wir tatsächlich bereits ein gutes Stück, einige Schritte in Richtung New Work gegangen.
20:36
Alex: Ein Teil der Personalbranche, zu dem Du mittels Deines Blogs Kontakt hast, sind die externen Dienstleister. Ich kann mir vorstellen, dass hier einige ganz schön schwitzen, denkst Du das auch? Ich spreche von Personalvermittlungen, aber auch von Staffing Agencies, wenn es um Freiberufler und dergleichen geht.
21:02
Stefan: Wenn es im schlimmsten Falle zu einer Massenarbeitslosigkeit kommt, hätten die klassischen Personalvermittler durchaus sehr viel Arbeit, da die Anzahl der Menschen, die dann erreich- und vermittelbar sind, größer ist. Ich glaube, dass die Vielzahl an Startups und Dienstleistern, die nun ein wenig "aus der Garage" entstanden sind vielleicht ihre erste Finanzierungsrunde abgeschlossen, aber noch kein festes Geschäftsmodell haben. Sie sind noch nicht etabliert, haben noch keine Marke aufgebaut und sind vielleicht in der Krise nicht die erste Wahl, wenn man sagt: "Damit beschäftigen wir uns dann irgendwann - das hat jetzt keine Priorität." Da kann es sehr, sehr schnell eng werden, und vermutlich wird sich der Markt deutlich bereinigen.
21:49
Stefan: Wenn ich Dich einmal umgekehrt fragen darf: Du bist ja auch kein riesiges Unternehmen, das es bereits viele Jahrzehnte im Markt gibt. Wie erlebst Du die Krise als Dienstleister für uns Personaler?
22:02
Alex: Ich selber kann es rein umsatztechnisch und finanziell erst per April oder Mai abschätzen. Wir haben unsere Basis, Fair Recruitment. Dort arbeiten wir zum Beispiel mit einem speziellen Modell, bei dem wir Freiberufler bei Unternehmen laufen haben, die für uns monatlich Umsatz bringen. Es ist die Frage, wie das dann läuft, das weiß ich aber erst, wenn die nächsten Nachweise kommen. Das heißt: Es ist sicherlich auch für uns entscheidend, wie es dann weitergeht. Wir haben durch einen Kollegen auch laufende Aufträge in der Personalberatung, der da viel macht, ist im weitesten Sinne für die Automobilindustrie tätig, in der es tatsächlich noch keinen Einbruch gibt. Auch die Feedbacks der Kandidaten sind "wie immer". Was für uns gerade schwierig ist, ist das Thema OHRBEIT: Wir sind kein klassisches Startup, weil wir das Ganze auf der Basis unseres Umsatzes selbst finanziert haben. Für 2020 war das Ziel, die Investitionen wieder reinzubekommen - das wird natürlich schwieriger. Der Vorteil, den ich bei uns sehe, ist, dass es ein neues Produkt ist. Wiederum ein Nachteil dessen und für Unternehmen ist, sich darauf einzulassen - man kennt es noch nicht. Aber gerade nach einer Krise sind neue Ansätze und neue Ideen, die die Menschen wieder "hinter dem Ofen hervorlocken" wirklich interessant. Entsprechend bin ich optimistisch, und merke das auch in täglichen Gesprächen. Man erhält grundsätzlich eigentlich kein negatives Feedback, es geht eher darum, bei Unternehmen in die Umsetzung zu kommen, sprich: zu erreichen, dass diese den nächsten Schritt gehen. Ein bißchen wollen es alle machen, aber dadurch, dass es eben etwas ganz Neues ist, wartet man ab und darauf, dass sich das Ganze nach der Normalisierung der Situation ein bisschen höher skaliert.
23:47
Stefan: Das ist bei mir im Prinzip derzeit ähnlich. Ich habe 2020 die Umstellung meiner Seite Persoblogger.de vom persönlichen Blog zum Portal vorangebracht. Insbesondere wenn man überlegt, den größten beziehungsweise einen der großen, reinen HR-Veranstaltungskalender mit entsprechender Datenbank aufzubauen, und die ganze Arbeit, die da rein geflossen ist, sind es ja derzeit gerade Veranstaltungen, die am meisten gestrichen werden, ausfallen, möglicherweise nicht sofort digitalisierbar sind. Ich spüre ganz deutlich, dass der normale Gang des Business einen deutlichen Break bekommen hat.
24:28
Alex: Ich würde Dir gern die Chance geben, noch ein Schlusswort an die Menschen da draußen zu richten. Wie auch immer es geartet sein mag, gebe ich Dir einfach Zeit.
24:46
Stefan: Wenn man uns vor einem halben Jahr erzählt hätte, was gerade geschieht, hätte man sich wie in einem schlechten Trash Video gefühlt, nach dem Motto: "2020. Ein todbringender Killervirus bedroht die ganze Menschheit. Alle müssen zu Hause bleiben, sitzen nur noch vor ihren Bildschirmen. Niemand darf mehr raus", und so weiter. Da hätten wir gesagt: "Das halten wir nicht für realistisch." Jetzt ist die Krise aber da, und wir sind alle gefordert, aus diesem Thema das Allerbeste zu machen. Ich glaube, das typisch Deutsche: "Ich schimpfe auf alles, was nicht zweihundertprozentig richtig ist" hilft uns nicht - damit kommen wir nicht weiter. Wir müssen vielleicht an der einen oder anderen Stelle etwas hemdsärmelig weitermachen. Ich kann nur appellieren, dass wir sowohl weiterhin als Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer an unser Unternehmen und die Kolleginnen und Kollegen denken, als auch an die Kunden, die vielleicht das ein oder andere Mal genervt haben, und über die man dann sagte: "Mensch, das ist anstrengend." Wir brauchen einander, und es ist gut, wenn wir jetzt alle füreinander da sind, zusammenstehen und mit einer sehr positiven Haltung gegen diese Krise angehen. Wenn der eine oder andere etwas tun kann und möchte, gibt es mittlerweile genug Orte, an denen man Möglichkeiten findet, einzuspringen und etwas zu bewirken. Da zählt jede Hilfe, jede Unterstützung, und ich kann nur alle dazu aufrufen mitzumachen.
26:20
Alex: Das war mein Gespräch mit Stefan. Ich hoffe, es war auch interessant für Euch, wenn Ihr nicht im Personalbereich arbeitet. Wir verlinken seine Social Media-Accounts und seinen Blog natürlich in den show notes. Mir bleibt nur zu sagen: Vielen Dank fürs Zuhören. Ich würde mich freuen, wenn Ihr beim nächsten Mal wieder mit dabei seid! Euer Alex vom OHRBEIT Team.
1