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'Männer müssen jetzt aktiv Home-Office einfordern'

Die seit 1998 als Unternehmerin tätige Melanie Vogel ist dreifache Innovationspreisträgerin und setzt die Schwerpunkte Ihres Business auf Leadership und Innovation, speziell für Frauen in der Wirtschaft. VUCA, Futability® und Empathyconomics® sind weitere Kernthemen Ihrer Arbeit.

Als Initiatorin der Pioniermesse women&work und der Anwendung Ihrer ‚Female Recruiting‚ Formel verhilft sie Frauen zu gerechteren Karrierechancen und mehr Sichtbarkeit. Unternehmen unterstützt Sie, die frauenfreundlichen Werte überzeugend in die Zielgruppe der weiblichen Talente zu tragen.

Anlässlich unseres OHRBEIT-BUNT-Projektes auf Startnext „Deine Stimme für Vielfalt“ haben wir uns mit Melanie über folgende Themen ausgetauscht:

✅ Die Corona-Krise und den Rückschritt die Gleichbehandlung
✅ Was Männer aktiv tun können, um für mehr Gleichberechtigung zu sorgen
✅ Wie Karriere als Frau eingefordert werden muss
✅ Erfolgreiche Frauen in Social Media! Nicht zwingend ein Rollenvorbild?
✅ Frauenquote: Ja oder Nein?

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Willst du einen Blick hinter die Kulissen des OHRBEIT – Teams werfen? Dann lerne uns in kurzen Audio-Snippets kennen oder geh direkt auf Instagram – wenn du dich traust!

00:08
Alex: Gleichberechtigung bezeichnet die Gleichheit verschiedener Rechtssubjekte in einem bestimmten Rechtssystem - das heißt es auf Wikipedia einleitend zum Thema Gleichberechtigung. Klingt kompliziert, obwohl es doch eigentlich so einfach sein sollte, oder? Ein weiterer Satz aus dem Artikel: "Vor allem in der westlichen Welt gibt es starke Tendenzen zur Gleichberechtigung". Eine starke Tendenz. "Unter Tendenz", so heißt es an anderer Stelle, "versteht man allgemein die noch nicht abgeschlossene, kurzfristige oder anhaltende Neigung von bestimmten Ereignissen." Ja, wie sieht es denn nun wirklich aus mit der Gleichberechtigung? Gehen wir doch mal direkt rein in zwei Beispiele aus der Praxis, speziell auf dem Arbeitsmarkt. Also folgende Situation: Ein Recruiter, ein männlicher Recruiter sagen wir mal, ist bei einem Kundengespräch. Im Hintergrund sitzt du, du bist seine Beraterin und dein Ansprechpartner sagt jetzt in diesem Kundengespräch: "Für diese Position haben wir uns einen Mann vorgestellt..."
01:25
Melanie: Das Allererste, was ich machen würde, wäre erst einmal die Frage zu stellen: Warum denn ein Mann? Ich würde es mir erklären lassen, damit ich es verstehe. Es kann ja sein, dass manchmal tatsächlich sinnvolle Gründe vorliegen, beispielsweise wenn es eine schwere körperliche Arbeit ist, dass dann entsprechend vielleicht in der Tat - im ersten Moment - sinnvoll sein könnte, dass diese Tätigkeit von einem Mann ausgeführt wird. Das würde ich mir erklären lassen, um erstmal die Motive zu verstehen. Und wenn mir die Motive einleuchten, dann würde ich fragen: Was wäre denn, wenn Sie jetzt eine Frau einarbeiten würden? Was würden Sie denn gewinnen? Oder ich würde empfehlen, vielleicht einfach mal in die Richtung zu denken: Was wäre, wenn Sie einen Mann und eine Frau auf diese Position setzen? Also im Prinzip Jobsharing machen. Wenn ich merke, dass die Motive im Prinzip Vorbehalte sind oder dass der Glaube, dass eine Frau das generell nicht schaffen kann. Oder die Angst davor, dass die Frau vielleicht ausfällt aufgrund von Schwangerschaft und Familienzeit, dann würde ich argumentieren und sagen: Das sind keine ausreichenden Gründe. Da würde ich dann wirklich ins Gespräch gehen. Also in der Tat versuchen zu überzeugen, die eigene Haltung einfach mal zu hinterfragen.
02:34
Alex: Gut, dann noch ein Beispiel: Der Vorgesetzte, die Führungskraft - wie auch immer - äußert: "Bloß keine Mutter für diese Stelle! Die ist dann immer Kinder krank..."
02:47
Melanie: (lacht lange) Ja... Da würde ich argumentieren und sagen: Nehmen Sie auf jeden Fall eine Mutter, weil selbst wenn sie kinderkrank ist, wird sie weiterarbeiten. Das ist ein ganz klassisches Vorurteil gegen Mütter dass sie unzuverlässig sind, weil die Kinder krank sind, dass sie auch nicht mehr leistungsfähig sind, weil sie ja nun mal beispielsweise halbtags oder in Teilzeit arbeiten.Das ist wirklich ein Argument, das nicht mehr zählt und was man auch in der Tat konsequent aushebeln muss. Ich bin selber Mutter und ich weiß, dass ich, als mein Sohn klein war, in den Zeiten, wo er beispielsweise geschlafen hat, viel, viel mehr gearbeitet habe und viel mehr geschafft habe, weil ich wusste, dass meine Zeit begrenzt ist. Also gerade Mütter mit kleineren Kindern haben ein extrem gutes Zeitmanagement und sind sich ihrer Verantwortung sowohl gegenüber dem Arbeitgeber als auch gegenüber ihrer Kinder sehr bewusst. Aus meiner Sicht sind es die wertvollsten Mitarbeiterinnen, die man haben kann.
03:48
Alex: Ein herzliches Hallo auch von mir! Hier ist wieder der Alex von Ohrbeit mit einem neuen Ohrbeit Kaffeesatz. Ihr habt schon die ersten Momente unserer heutigen Ausgabe gehört: Wir sprechen heute mit Unternehmerin Melanie Vogel unter anderem darüber, wie die Corona-Krise Frauen auf dem Weg zur Gleichberechtigung wieder zurückgeworfen hat. Was Männer für die Gleichberechtigung tun können und warum erfolgreiche Frauen auf Social Media nicht unbedingt der Gleichberechtigung förderlich sind. Melanie Vogel ist Buchautorin, keynote Speakerin und ist Mitorganisatorin der Messe Woman and Work, die seit 2011 eine Live Messe und erste Adresse für Frauen in der Wirtschaft ist. Als Unternehmerin wurde sie insgesamt dreimal mit einem Innovationspreis ausgezeichnet und mit der von ihr mitentwickelten Female Recruiting Formel hilft Melanie ihren Kunden dabei, die frauenfreundlichen Werte der Unternehmen überzeugend in die Zielgruppe weiblicher Talente zu tragen. Und innerhalb der Organisation, diese auch durch die Bereiche zu leben. Als alter Recruiter wollte ich natürlich auch von ihr wissen, was sie speziell mit dem Thema Female Recruiting für ein Anliegen hat.
05:01
Melanie: Beim Thema Female Recruiting ist mir wichtig, dass die Vorbehalte gegenüber Frauen wirklich abgebaut werden und dass Frauen genauso nach Potenzial bewertet werden wie Männer auch. Da gibt es nämlich nach wie vor Unterschiede. Es ist ein unbewusstes Stereotyp, was immer wieder durchscheint, dass Frauen nach vergangener Leistung bezahlt werden und Männer nach zukünftigem Potenzial. Und nicht nur bezahlt werden, sondern auch in ihrer Karriere betrachtet werden. Mir ist es sehr wichtig, dass Unternehmen verstehen, dass sie, wenn sie innovativ und zukunftsfähig bleiben wollen, auf jeden Fall Männer und Frauen gleichwertig berücksichtigen sollten und zwar durch alle Hierarchieebenen und auch in allen Abteilungen. Weil in dem Moment, wo wir sehr homogene Teams haben, haben wir im Regelfall auch homogene Ergebnisse. Und auf der anderen Seite, was die Frauen angeht, da haben wir natürlich auch ein Anliegen. Uns ist wichtig, dass Frauen sich als gleichwertig ansehen. Es ist also keine Einbahnstraße. Es muss nicht die ganze Aktivität und Energie von den Unternehmen ausgehen, sondern die Frauen sind da genauso gefordert. Es ist wichtig, dass Frauen ihren Wert in der Gesellschaft anerkennen und vor allem ihren Wert auch in der Wirtschaft anerkennen. Das fehlt ganz häufig noch. Das liegt nicht daran, dass den Frauen das nicht zwingend bewusst ist, sondern es liegt daran, dass sie wenig Vorbilder haben, an denen sie sich orientieren können. Das ist bei Männern deutlich anders. Also ich denke mal, das wirst du kennen: Wenn du in die Berufswahl gehst in der Bildsprache oder auch in der Werbung. Es ist überall immer noch eine sehr hohe Männerdominanz zu sehen. Frauen muss man in bestimmten Branchen oder in bestimmten Positionen tatsächlich immern noch suchen. Da muss man einen Blick entwickeln, um sie wahrzunehmen. Es ist wichtig, diesen Blick zu schärfen und gleichzeitig aber auch andere Frauen zu ermutigen, immer wieder auch als Vorbilder, als role models zu Verfügung zu stehen, damit es jungen Frauen eben leichter gemacht wird, beispielsweise Beruf und Karriere zu verbinden. Oder auch beispielsweise ganz klar zu sagen: Ich will Karriere machen und ich will gutes Geld verdienen, weil es mir genauso zusteht wie den Männern in meiner Umgebung.
07:29
Fri: Ein Hinweis in eigener Sache: Du willst für Vielfalt und gegen Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt eintreten? Dann freuen wir uns, wenn du unser Crowdfunding-Projekt für eine bunte Gesellschaft auf Startnext unterstützt. Auf www.startnext.com/bunterpodcast erfährst du mehr.
07:44
Alex: Ja, da muss es dir doch die Tränen in die Augen treiben, wenn man Dinge sieht, wie sie gerade aktuell wieder im Falle der Corona-Pandemie passieren. Frauen werden ja wieder zurückgedrängt in die Rolle der Fürsorgerin und weniger in die Rolle von beruflichen Fähigkeiten. Das haben sich ja nun ganz schön Rückschritte ergeben. Siehst du das auch so?
08:04
Speaker: Ja, das sehe ich auch so. Es treibt mir in der Tat nicht nur die Tränen in die Augen, sondern es macht mich auch sehr wütend. Und auch da muss ich sagen: Es ist wieder auf beiden Seiten! Es sind einerseits die Unternehmen, die jetzt das Homeoffice für sich erkannt haben - das ist auch völlig in Ordnung. Allerdings sind in den meisten Unternehmen keine Grundvoraussetzungen dafür da, dass Leistungen im Homeoffice in irgendeiner Form karrieremäßig gewürdigt werden. Es gibt (zwar) Unternehmen, die machen das. Die ein Bewusstsein dafür haben, dass die Talent Pipeline auch im Homeoffice weiterläuft. Aber die Unternehmen, die sich bisher mit Homeoffice, mit flexiblem Arbeiten, mit Karriere von Männern und Frauen überhaupt nicht beschäftigt haben, die schicken ihre Belegschaften jetzt ins Homeoffice. Die haben eben keine Kontrollmechanismen oder keine Talent Pools, die eben auch die Arbeit im Homeoffice irgendwie erfassen. Das Problem, was ich jetzt gesehen habe und was aus meiner Sicht also wirklich tiefgreifend ist: Ein Großteil der Frauen sind seit März im Homeoffice und die waren auch im Sommer zum großen Teil nicht im Büro. Anders als die Männer, weil eben die Kinderbetreuung nicht gesichert war. Das heißt: Ein Großteil der Frauen, die berufstätig sind und einen Job haben, der homeoffice-fähig ist, die sind prinzipiell seit März durchgängig im Homeoffice und die Leistung wird eben da nicht erfasst. Karriere macht nach wie vor nur die Person, die sichtbar im Unternehmen ist. Und sichtbar im Unternehmen sind eben im Augenblick wieder hauptsächlich Männer. Der andere Punkt ist, dass die Frauen sich in diese Rolle haben reindrängen lassen. Jetzt kann man sagen März/April ging es auch gar nicht anders. Das würde ich sogar so stehen lassen, denn das war selbst bei uns ein wirkliches Problem und mein Mann und ich teilen uns Beruf und Familie seit 16 Jahren. Mein Sohn ist 16 und der hat jetzt nicht mehr so den mega Betreuungsaufwand. Aber selbst ich habe März und April als wirkliche Belastungsprobe empfunden. Aber danach wäre es gut gewesen, wenn Frauen da sehr viel vehementer auch darauf bestanden hätten - politisch darauf bestanden hätten - dass sich die Situation wieder deutlich ins Positive wendet. Das ist nicht passiert. Woran man eben auch merkt, dass Frauen kaum eine Lobby haben. Auch Frauenverbände haben sehr, sehr lange geschwiegen, weil sie vermutlich selber von dieser Notsituation betroffen waren. So ist eben wertvolle Zeit verstrichen, in denen Frauen im Unternehmen nicht sichtbar waren und für ihre Karriere tatsächlich nur sehr, sehr wenig machen konnten.
10:51
Alex: Was können denn die Männer dafür tun, dass sich die Gleichberechtigung verbessert, gerade auch jetzt nach diesem Rückschritt? Also wirklich jeder Einzelne im Arbeitsumfeld und auch im Privaten. Was würdest du denn da sagen? Was sind denn ein bis zwei Hauptpunkte?
11:06
Melanie: Ein ganz wichtiger Hauptpunkt ist aus meiner Sicht, dass wir alle verstehen, dass das Alleinverdiener-Modell keine Lösung ist. Das ist im Augenblick aus meiner Sicht sogar ein sehr gefährliches Modell. Also wir wissen alle nicht, wie sich die Arbeitswelt weiterentwickelt, aber wir gehen alle davon aus, dass es sich nicht so schnell erholt, wie wir uns das vielleicht wünschen. Das letzte Wort in Bezug auf Unternehmens-Insolvenzen ist ja auch noch nicht gesprochen. Das heißt, wir wissen eigentlich überhaupt noch nicht, wie sich das Jahr 2021 entwickelt. In dem Moment, wo wir anerkennen, dass das Alleinverdiener-Modell im Augenblick eine ein ziemliches Risiko sein kann, in diesem Moment sollten sich Paare zusammensetzen und miteinander sprechen. Es wäre extrem hilfreich, wenn Männer sehr proaktiv vorgehen würden und mit ihren Partnerinnen darüber sprechen, wie Beruf und Familie vereinbart werden können, sodass beide wieder gleichwertig arbeiten und vor allem die Frauen auch wieder im Unternehmen sichtbar sein können. Dazu müssen Männer in den Unternehmen tatsächlich viel vehementer auch jetzt die Möglichkeit nutzen, Homeoffice in Anspruch zu nehmen. Ich glaube, dass das in einigen Unternehmen sehr gut funktioniert. Aber das sind, wie gesagt, die Unternehmen, die auch schon länger an diesen Themen arbeiten. In anderen Unternehmen oder von anderen Unternehmen weiß ich, dass die Menschen wieder in die Büros zurückgeholt wurden im Sommer und das vehement. Man hatte Angst, dass die Leistung oder die Produktivität nachlässt. Man hatte Angst, die Menschen nicht mehr wirklich kontrollieren zu können und in dem Moment, wo so ein Druck aufgebaut wird, dann fühlen sich die Menschen natürlich verpflichtet und in der Verantwortung, wieder ins Büro zurückzukehren. Dieser Verantwortung können Männer in diesem Fall deutlich besser nachkommen. Da wäre es gut, wenn es auch - ich sage mal - eine "Väter-Allianz" geben würde und Väter sehr deutlich machen, dass sie jetzt eine Verpflichtung für die Familie haben. In dem Moment in dem Väter diese Anspruch äußern, ist ein größerer "Aha-Moment" erreicht, wenn das Mütter tun. Von den Müttern erwartet man es [das Zuhausebleiben für die Kinder] und bei den Vätern ist es ein Überraschungsmoment, der für ein Umdenken sorgen kann.
13:36
Alex: Du hast schon angesprochen, dass sich Frauen wieder in diese Rolledrängen ließen. Da würde ich gerne die Brücke schlagen - bezogen auf das gesamte berufliche Thema: Bewerbung, Bewerbungsprozess, Gehaltsverhandlungen oder wenn es um Führung, Karriere und Weiteres geht. Was müssen Frauen mehr tun, was müssen sie sich mehr trauen?
13:57
Melanie: Ich denke, dass es nicht darum geht, prinzipiell sich mehr zu trauen oder mehr zu tun! die Frauen, die ich kenne und auch seit 10 Jahren über die Woman and Work begleite, sind sehr selbstbewusste Frauen. Das sind starke Frauen und das sind vor allem hochqualifizierte Frauen. Was fehlt und da schließe ich mich mit ein... was uns Frauen fehlt, ist ein Bewusstsein dafür, dass Weiblichkeit und Frau-sein einen Platz und einen Wert nicht nur in der Gesellschaft hat, sondern vor allem in der Wirtschaft. Ich merke das immer an den Punkten, an denen ich persönlich unsicher werde. Ich bin kein Mensch, der leicht unsicher wird, weil ich weiß, was ich kann und weil ich 20 Jahre Unternehmertum auf dem Buckel habe. Also mich kann so schnell nichts erschüttern, aber ich habe immer noch Momente, wo ich mir meiner Rolle in der Wirtschaft unsicher bin, weil ich in Situationen komme, die ich nicht kenne und die ich auch aus Erzählungen nicht kenne. Das ist das bekannte oder berühmte Insiderwissen, was Männer sehr viel schneller übertragen können als Frauen, weil Männer einfach viel stärker vernetzt sind und weil Männer andere Männer in allen Hierarchieebenen finden. Und das ist bei Frauen eben nicht so. Die die ersten Gespräche, die ich vor Jahren mit Vorständen zum Beispiel hatte, das war für mich wirklich eine Zitterpartie, weil ich niemanden fragen konnte aus meinem Bekanntenkreis. Wie funktioniert das denn? Und das ist durchaus für Männer an der Stelle genauso aufregend. Aber sie haben unter Umständen leichter Zugang zu Leuten, die wissen, wie es geht.
15:41
Alex: Das ist der Kern des Problems könnte man ja sagen. Dass ist diese Domäne "Männerwelt". Ich denke der Gesprächspartner in deinem damaligen Gespräch war wahrscheinlich auch ein Mann. Mann zu Mann hat dann eben dieses: "Wir wissen ja, wie es geht." Wenn dann eine Frau da sitzt, dann kann ich mir schon vorstellen, dass es heißt: "Naja, die muss erst mal was beweisen...der Mann muss es eigentlich gar nicht mehr." Das heißt, wenn man zum Kern kommt, dann ist genau diese Problematik da. Das ist ja eigentlich unheimlich schwierig zu durchbrechen Ich hab das Gefühl, dass es vielleicht gar nicht anders geht, als dass man genügend Männer findet oder genügend Männer sagen: "Hey, wir wollen selber, dass sich da was ändert." Dieses Zusammenspiel, die einzige Chance für eine Veränderung bietet.
16:30
Melanie: Das, was du beschreibst, dass wir eine eine Anzahl von Männern brauchen, die diesen Change wollen, ist in der Tat richtig! Das ist auch einer der Gründe, weswegen wir beim Female Recruiting und auch bei der Woman and Work nie in den ganzen zehn Jahren in einer Kampf- Haltung unterwegs gewesen sind. Also wir haben nie eine feministische Veranstaltung daraus gemacht. Wir haben immer ausdrücklich zu den Unternehmen gesagt: Bitte bringen Sie Männer mit. Es ist wichtig, dass die Frauen auch mit Männern sprechen. Aber es ist genauso wichtig, dass sie eben auch ihren Stand mit Frauen besetzen. Also pari-pari. Das ist immer so unsere Kern-Empfehlung. Das ist tatsächlich aus meiner Erfahrung noch eine sehr rare Konstellation. Die sorgt dafür, dass Frauen, also gerade auch junge Frauen, die jetzt sozusagen in den Beruf einsteigen, die karriere-affin sind sehr stark suchen müssen nach Vorbildern. Sie lernen von Frauen, die nicht immer, aber häufig Karriere gemacht haben als besserer Mann. Das heißt, es gibt in der Wirtschaftswelt in vielen Positionen Frauen, die sehr, sehr stark, sehr qualifiziert sind, aber die einen gewissen männlichen Einschlag haben in ihrem ganzen Verhalten. Das ist beispielsweise etwas, was ich für mich nie wollte. Ich wollte immer meine Weiblichkeit behalten, ich wollte immer Frau sein. Ich kann ja auch gar nicht anders. Ich bin so zur Welt gekommen. Ich sehe das auch nicht als Schicksal, sondern ich sehe das als Geschenk. So sollte es eigentlich auch sein.
18:03
Alex: Gerade die Frauen, die wirklich Karriere gemacht haben, wo es dann heißt: "Die ist ja eigentlich wie ein Mann oder die ist vielleicht sogar noch härter in diesem Klischee!" Aber wahrscheinlich ist das der Situation geschuldet, weil sie hätte gar nicht anders Karriere machen können. So ist es leider dann wahrscheinlich, diese Stufe zu erklimmen. Sie muss halt dann so sein, wie Männer normalerweise sind. Weil es einfach nicht anders möglich gewesen wäre. So könnte ich mir das fast vorstellen...
18:29
Melanie: Ja, so ist das auch...
18:30
Alex: Sie wird jetzt da nicht bewusst ihr Frau-Sein untergraben haben?
18:33
Melanie: Nein, auf gar keinen Fall! Also ich mache seit zehn Jahren regelmäßig Interviews mit Frauen in Führungspositionen und ich merke da schon einen Unterschied. Also die Frauen, die jetzt in Führungspositionen kommen, haben sehr viel häufiger Kinder, als noch vor zehn Jahren. Sie sind sich sehr viel häufiger auch ihrer weiblichen Qualitäten bewusst und spielen die auch viel häufiger aus. Das, finde ich, ist eine ganz positive Entwicklung. Das war vor zehn Jahren noch nicht so. Insofern merke ich: Da findet eine Veränderung statt! Das Rollenbild insgesamt muss sich verändern. Das muss sich beispielsweise auch in der Werbung verändern. Also wenn man mal drauf achtet, wie bestimmte Produkte beworben werden. Jetzt gerade in der Vorweihnachtszeit. Das sind klassische Rollen, Stereotype, die über die Werbung immer noch transportiert werden. Da ist in der Werbung auch immer noch häufig die halbnackte Frau, die irgendein technisches Gerät verkauft, weil man glaubt, eine halbnackte Frau verkauft besser. Das mag wahrscheinlich auch so sein. Aber es hilft den Frauen nicht, in ihrem Selbstverständnis als qualifizierte Fach- und Führungskraft zu überzeugen. Auf der anderen Seite ist es bei Männern ja genauso. Das schmerzt mich auch. Ihr Männer habt aus meiner Sicht wenig Möglichkeiten aus Rollenbildern auszubrechen. Bei meinem Mann hab ich das ja nun wirklich in den ersten Jahren - als mein Sohn klein war - direkt miterlebt. Er war und ist ein Vater, der sich zu 100 Prozent um sein Kind kümmert und der auch in der Betreuung viel mehr gemacht hat als ich. Er war häufig beim Kinderturnen oder in irgendwelchen Krabbelgruppen der einzige Mann. Ihn hat das überhaupt nicht gestört, aber was ihn gestört hat, waren dann die Fragen, die kamen und es waren immer die gleichen Fragen: "Hast du Urlaub? Hast du schon wieder Urlaub? Nimmst du dir frei oder bist du arbeitslos?" Er hat sich darüber hinweggesetzt, aber ich denke, es gibt eben auch Männer, die solche Fragen unangenehm finden und nicht wissen, wie sie damit umgehen können. In den Unternehmen geht das dann natürlich weiter. Das ist dann der Softie, der sich halt jetzt mal um die Familie kümmert. Da schwingen ja auch Rollenstereotype mit. Das merke ich eben auch, wenn ich mit Männern Interviews führe. Der Leidensdruck ist da mindestens genauso stark, wenn nicht sogar höher als bei Frauen. Männer bedauern ganz häufig im Nachhinein sehr, dass sie nicht mehr Zeit mit der Familie verbringen konnten, weil es eben der Job und das Unternehmensumfeld nicht zugelassen haben.
21:19
Alex: Da würde ich eben nochmal auf ein Thema kommen, was du ja quasi vielleicht mit Stichworten schon angedeutet hast, eben das Thema 'pari-pari', was natürlich viel diskutiert ist, wenn es um den öffentlichen Diskurs oder auch Gesetzgebung geht. Bestimmt eine Frage, die du schon oft gestellt bekommen hast. Aber mich würde einfach persönlich interessieren: das Thema 'Quote' - würdest du per se sowas befürworten oder es eher ablehnen?
21:40
Melanie: Ich befürworte das auf jeden Fall. Und das ist ein Lernprozess, den ich gemacht habe. Hättest du mich das vor 11 Jahren gefragt, hätte ich gesagt 'Niemals, niemals!' Ich hätte genauso argumentiert, wie man es in den Medien jetzt auch leider immer noch liest. Also gerade auch von Frauen, die in Führungspositionen sind. Ich will auch keine Quotenfrau sein. Ich habe irgendwann begriffen, dass es wichtig ist, dass wir Quotenfrauen haben und es ist wichtig, dass wir Quotenfrauen sind und dass wir das aber nicht als Stigma betrachten, sondern dass wir uns als Pionierinnen sehen. Ohne Pioniergeist geht es nicht. Und diese Frauen, die über eine Quote in Positionen kommen, wo noch nie zuvor eine Frau gewesen ist, die haben doch ähnlich wie bei Star Trek, die haben doch alle Möglichkeiten. Die haben alle Möglichkeiten, grandiose Frauenbilder in die Welt zu setzen. Die haben alle Möglichkeiten, Dinge neu zu gestalten. Und ich verstehe einfach nicht, dass Frauen diese Chance nicht wahrnehmen. Ich verstehe aber auch nicht, dass Unternehmen sich da so dermaßen sträuben und argumentieren, dass es in die Unternehmens-Entscheidungshoheiten geht. Also dieses Argument, das muss wirklich spätestens seit Corona gestorben sein, weil wir haben so viele Restriktionen im Augenblick, die in die unternehmerische Freiheit eingreifen, dass die Quote wirklich das aller geringste Übel ist. Und ich persönlich sehe es auch nicht als Übel, weil wenn wir wirklich eine Veränderung wollen, dann geht es ohne Quote wahrscheinlich gar nicht. Es war ja auch nicht die reine Nächstenliebe, die dazu geführt hat, dass Frauen wählen durften, sondern es brauchte dazu ein Gesetz. Man stelle sich das vor, wir haben 2000 Jahre Demokratie - Theorie. Aber selbst der Ursprung der Demokratie war ausschließlich den Männern vorbehalten und Frauen und Sklaven gehörten nicht in die demokratischen Prozesse rein, auch vor 2000 Jahren schon nicht.
23:45
Alex: Wenn es um Vorbilder geht, es müssen jetzt gar nicht die typischen Berufe sein, sondern vielleicht wie es früher so war, die Stars und Sternchen, wie man sie nennt, habe ich es natürlich als Mann z.B. beim Thema Sport extrem leicht.
23:57
Melanie: Ja.
23:57
Alex: Ja klar, jeder will Fußballstar werden wenn er als Junge mal gegen einen Ball getreten hat. Als Frau ein sportliches Vorbild zu haben, ist wahrscheinlich viel schwieriger. Aber ich denke durch Social Media und auch eine gewisse Veränderung, sieht man immer mehr Frauen, die auch aktiv sind. Das finde ich ganz gut, weil sich dann vielleicht ein Gleichgewicht herstellen kann. Also zumindest in einer gewissen Art und Weise ändert sich das durch die Möglichkeiten des Internets schon ein bisschen. Oder sehe ich das zu optimistisch oder falsch?
24:24
Melanie: Ein bisschen, ja. In der Tat ist Social Media ein interessantes Themenfeld, weil Studien zeigen, und ich beobachte das eben auch, dass in Social Media tatsächlich Rollen Stereotype deutlich verschärft werden. Und wenn man mal guckt, welche YouTuber Erfolg haben bzw. welche männlichen YouTuber Erfolg haben und mit welchen Themen Frauen Erfolg haben, dann merkt man, dass auch hier wirklich wieder eine Zweiklassengesellschaft entsteht. Es gibt sehr, sehr erfolgreiche YouTuber, beispielsweise im Finanzwesen oder auch in der Wirtschaft. Die Frauen musst du suchen. Es gibt sie auch, aber die haben viel weniger Schlagkraft und viel weniger Follower.
25:07
Alex: Jetzt wo du es sagst, die Frauen machen dann eher Beauty Tipps und sind da erfolgreich.
25:10
Melanie: Ja genau. Und das ist wirklich gefährlich, in dem Sinne, weil alles das, was wir sozusagen in der Offline-Welt versuchen, an Aufklärung zu betreiben und versuchen auch an neuen Bildern in die Welt zu tragen, hilft alles nichts, wenn wir es nicht gleichzeitig auch in den sozialen Medien abbilden können. Und das ist wirklich schwierig, weil die Frauen merken, dass sie viele Likes bekommen, wenn sie sich halbnackt präsentieren. Und die Männer merken, dass sie viele Likes bekommen, wenn sie als Macho in irgendeiner Form cool rüberkommen. Das ist jetzt mal sehr überspitzt gesagt, aber das ist so die Essenz des Ganzen.
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Unser bester Kaffeessatz für dich! Wir wollen unsere OHRBEIT Vision vertonen und geben dir Einblicke in die Themen Diversity, Datenschutz, New Work, Idealismus und vieles andere. Wir lassen Leute zu Wort kommen, die ihr Hobby zum Beruf gemacht haben, die sich für neue Arbeitsformen in Unternehmen einsetzen, die mit voller Leidenschaft für eine Gleichberechtigung aller kämpfen und die einen wertvollen Beitrag zur Weiterentwicklung unserer Arbeitswelt und Gesellschaft leisten. Außerdem stellen wir Jobs bei Unternehmen vor, bei denen es sich lohnt genauer hinzuhören (und zu bewerben..).