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'Die Arbeit mit Farben hilft den Menschen, Hemmungen abzubauen'

Marie-Sophie Mader ist Psychologin und Coach und bietet ehrenamtlich Workshops für Geflüchtete an. In unserem Podcast erzählt sie über ihre Idee, mit Farben zu arbeiten, welches individuelle Tool sie speziell für die Arbeit mit jugendlichen, unbegleiteten Geflüchteten entwickelt hat und wie sich das auf ihre Arbeit ihrer „Coachingkunst“ auswirkt. Auf die Workshop-Idee kam sie über ihre Arbeit als Bezugsbetreuerin für einen Hamburger Träger. Die Erfahrungen, die sie dort machen konnte, haben Sie veranlasst, den Jugendlichen über diese Betreuung hinaus helfen zu wollen.

Wenn ihr noch mehr zu diesem Workshop-Format wissen wollt oder Marie als Coach buchen möchtet, dann könnt Ihr Marie über linkedIn kontaktieren.

00:11
Alex: Guten Tag, sehr verehrte Damen und Herren, es ist wieder Ohrbeit-Zeit. Hier ist der Alex und bevor wir zu Folge Sechs unseres Kaffeesatzes kommen, würde ich gerne noch kurz was in eigener Sache sagen: Und zwar haben wir bald einen Youtube-Channel, den könnte ihr dann natürlich abonnieren und euch zusätzlich zu den Audioinhalten auch schön von unseren gebastelten Animationen berieseln lassen. Ich bin gespannt, wie ihr sie findet, denn bald ist es soweit! Jetzt aber zu unserer sechsten Folge des Kaffeesatzes. Insgesamt ist es, glaube ich, die 24 Podcastausgabe im Gesamten von uns. Es geht um die Arbeit von Marie Sofie Mader, die Workshops für Geflüchtete anbietet und darüber hinaus als Coachin tätig ist. Zu Beginn wird sie erzählen, was sie da für ein eigenes innovatives Coachingtool gebastelt hat, in dem sie unter anderem mit Farben arbeitet...ich finde ja, dass es relativ viele Coaches gibt. Das hab ich sie dann auch gefragt. Ich würde gerne im Anschluss an diesen Podcast eine Diskussion starten, die wir zum Beispiel über LinkedIn sehr gut führen können. Auch über Instagram könnt ihr euch gerne auslassen: Wie steht ihr zu diesem Thema? Wenn ihr selber Coach seid oder schon einmal bei einem Coach wart, dann würde mich das brennend interessieren. Meine erste Frage an Marie war natürlich grundsätzlich: Wie kam Sie denn dazu, diese Workshops für Geflüchtete anzubieten?
01:25
Marie: Bei mir war das so: Ich hab durch meine Arbeit als Bezugsbetreuerin für jugendliche Geflüchtete - ich habe bei einem Hamburger Träger gearbeitet - einfach sehr viel von deren Alltag und deren Lebensrealität kennenlernen dürfen. Das hat mich sehr fasziniert. Einerseits im Positiven, andererseits, dass ich sehr viel Respekt habe vor dem, was die Jugendlichen leisten. Es hat für mich noch einmal deutlich gemacht, dass das einfach eine Zielgruppe ist, die sehr viel Unterstützung gebrauchen kann. Es ist ja so, dass die Jugendlichen nach ihrer Einreise sich an die Kultur anpassen müssen. Sie müssen sich sozial vernetzen, die Sprache kennenlernen, die neue Stadt kennenlernen und auch in der Schule mitkommen, weil das auch sehr entscheidend ist für ihren Asylstatus. Außerdem haben sie auch die typischen Jugendlichen-Probleme, die einfach alle Jugendlichen betreffen. Das alles zu meistern, ohne konkrete Bezugspersonen [ist schwer]. In meinem Fall war es so, dass die jugendlichen Geflüchteten unbegleitet gekommen sind, also ohne Eltern. Aus diesen Beobachtungen heraus habe ich für mich einfach die Erkenntnis gezogen, dass diese Zielgruppe eine besondere Förderung benötigt einerseits und andererseits: Es gibt kaum Angebote für sie. Als Bezugsbetreuerin konnte ich schon viel helfen und viel unterstützen und diese Probleme der Jugendlichen erkennen. Als Coach bin ich in der Lage, diese besonderen Herausforderungen aufzugreifen und hab dazu ein Workshop-Format entwickelt. Das heißt "Dort komme ich her, da will ich hin". Hier kann ich diese praktischen Erfahrungen, die ich gesammelt habe, mit den Jugendlichen und mit meiner Arbeit mit den Jugendlichen aufgreifen und mit Elementen aus dem Coaching kombinieren.
03:25
Alex: Heißt dieses Thema Bezugsbetreuung: Du hast diese Jugendlichen begleitet bei Behördengängen oder sowas in der Art?
03:33
Marie: Richtig genau. Ich habe bei Behördengängen begleitet. Ich habe Freizeitaktivitäten mit den Geflüchteten gesucht. Ich habe geschaut: Wie kann man sich hier vernetzen? Was gibt es für Angebote, die interessant sind? Ich habe aber auch klassische berufliche Entwicklung angeboten. Wo möchtest du hin? Was sind deine Fähigkeiten? Was sind deine Stärken? Was für Ausbildungen gibt es überhaupt? Was für Berufe sind möglich? Das ist ja auch ganz anders hier als in anderen Kulturen oder in den Herkunftsländern der Jugendlichen.
04:03
Alex: Wie kam es dann dazu, dass du gesagt hast: Ich brauche dafür eine spezielle Methodik. Die hast du schon angesprochen und aus welchen Grundelementen hast du [diese Methoden] genommen. Welche Inspirationsquellen dienten dir für diese Methodik?
04:16
Marie: Meine Inspirationsquellen für die Methodik und dieses Format, das ich entwickelt habe, sind meine ganz privaten und persönlichen Interessen: Ich male extrem gern und ich bin sehr kunstinteressiert, daher rührt auch mein Name als systemischer Coach: Ich heiße "Coaching Kunst". Das beschreibt auch ganz gut die zwei Elemente, die da zusammenkommen. Einerseits das Interesse, Menschen zu begleiten, zu fördern und dabei zu unterstützen, ihre Ziele zu verwirklichen. Auf der anderen Seite steht die Kunst. Für meine Tätigkeit mit den jugendlichen Geflüchteten ist Kunst hilfreich. Ganz konkret die Arbeit mit Farben, die ich mit den Jugendlichen benutze. Das ist eine spezielle Methode, ein Coaching Tool, das ich entwickelt habe: Dies unterstützt [die Jugendlichen],zum Beispiel, sich sprachlich auszudrücken. Die Jugendlichen stehen vor der Herausforderung, dass sie oft Sprachbarrieren haben und es schwierig ist, sich an so ein Format zu gewöhnen. Man ist so etwas einfach nicht gewohnt. Man muss einfach sagen: In unserer Gesellschaft ist es viel selbstverständlicher, sich mit sich selbst zu beschäftigen: Persönlichkeitsentwicklung, Selbstfindung, etc. In den Kulturen, aus denen die Jugendlichen kommen, spielt das teilweise keine Rolle.
05:32
Alex: Mit welchen Problemen hast du denn nun noch zu kämpfen? Du hast schon angesprochen: Kulturelle Aspekte - was gibt es da noch speziell im Workshop-Alltag mit dem Geflüchteten?
05:42
Marie: Ich habe als Coach oft beobachten können, dass die Jugendlichen aus anderen Kulturen es gar nicht gewohnt sind, sich so intensiv mit sich selbst, der eigenen Persönlichkeit und auch den eigenen Zielen und Visionen zu beschäftigen. Und genau darum geht es in dem Workshop-Angebot "Dort komme ich her, da will ich hin". Selbstverwirklichung und persönliche Entwicklung das sind Themen, die für uns selbstverständlich sind in unserer westlichen Welt oder auf jeden Fall geläufig. Die Jugendlichen erleben dieses Thema in ihrer Welt selten und dementsprechend ist es doch manchmal schwierig, sie dazu zu motivieren oder sie stehen dem etwas kritischer gegenüber. Außerdem ist es auch so, dass ich als Coach eine Balance darin finden möchte, ihnen zu vermitteln, dass es gut für sich und auch für die eigene Zukunft sein kann, sich damit auseinanderzusetzen, was die eigenen Ziele sind. Gleichzeitig aber formuliere ich das als Angebot.
06:33
Alex: Du hast eine ziemlich hohe Verantwortung, denn da sind teilweise traumatisierte Jugendliche dabei. Bekommt man da irgendwelche Unterstützungen zum Beispiel durch Personal, oder kann man jemanden fragen? Gibt's vielleicht sogar finanzielle Möglichkeiten? Wie ist es da?
06:53
Marie: Zum Glück hatte ich bisher nicht so die Erfahrung, dass da bestimmte, sehr traumatische Erfahrungen innerhalb dieses Workshop-Formats hochkamen oder aufgegriffen worden sind. Dadurch, dass wir einfach im Themenbereich arbeiten: "Was kann ich schon? Worin bin ich gut? Was sind meine Ziele und wo möchte ich hin? Wie komme ich dahin?" Das machen wir auf eine sehr spielerische Art, Ressourcen-aktivierend und positiv. Wir kommen da sehr selten in Bereiche, wo Jugendliche von Traumata berichten. Es ist schon sehr persönlich, was die Jugendlichen erzählen. Aber da habe ich bisher glücklicherweise die Erfahrung gemacht, dass es in eine motivierende und fördernde Richtung geht. Ich bin ja auch selbst Psychologin. Dementsprechend kenne ich mich mit vielen Dingen auch aus. Aber ich bin keine ausgebildete Traumatherapeutin - deswegen wäre das auf jeden Fall eine Herausforderung, die mir zum Glück bisher nicht begegnet ist. Personal[unterstützung] habe ich bisher selten erlebt. Ich bin schon eine One-Woman-Show. Ich bin schon diejenige, die das konzipiert, organisiert und auch durchführt. Bei der Vorbereitung ist es dann so, dass man sich mit den Trägern oder mit den Organisatoren trifft und auch ein bisschen was [über diese] erfährt. Was sind Erwartungen? Was sind Ziele und Wünsche von deren Seite? Aber ich bin dann schon meine eigene Frau!
08:23
Alex: Das ist eine gute Weiterleitung! Denn grundsätzlich verdienst du natürlich damit kein Geld. Das ist eine tolle Sache, denn du machst das ehrenamtlich. Mit was verdienst du denn sonst normalerweise dein Geld? Ich nehme an, das liegt dann auch in dem Bereich Coaching und Workshops?
08:38
Marie: Richtig genau. "Coaching Kunst" - mein Coaching-Ich: Ich arbeite einerseits in diesen Workshops für jugendliche Geflüchtete, die auch teilweise mit Jugendlichen ohne Fluchthintergrund durchgeführt werden. Andererseits arbeite ich im Einzelcoaching. Ich biete online Einzelcoaching an. Da sind die Themen sehr vielfältig: Es geht von beruflichen und privaten Veränderungen bis zu Entscheidungssituationen, Konfliktsituationen und oft geht es auch in die Richtung Selbstfindung beruflicher sowie privater Natur.
09:13
Alex: Machst du denn da auch Gruppencoachings? Es könnte ja vielleicht eine ähnliche Situation in Teams bei Unternehmen auftreten. Ist das auch ein Teil oder geplant?
09:27
Marie: Genau - das ist in der Zukunft geplant! Beispielsweise kann man Farben benutzen kann, um eigene Stimmungen zu beschreiben: Wie ist die Stimmung innerhalb meines Teams? Welche Farben benutze ich, um unsere Teamkultur zu beschreiben und auszudrücken? Wie wünsche ich mir es denn? Was macht uns als Team aus und wo wollen wir hin? Das sind absolute Interessen von mir, die ich auf jeden Fall in Zukunft gerne noch weiterverfolgen möchte.
09:55
Alex: Welche Erfahrungen, die du mit den jugendlichen Geflüchteten gemacht hat in den Workshops könnten den für Unternehmen besonders interessant sein? Wenn du da mal eine herausgreifst!
10:05
Marie: Ich finde es faszinierend, wie sehr die Methodik, mit der ich arbeite, Menschen öffnen kann. Ich habe erlebt, dass die Teilnehmenden - auch wenn sie sich teilweise untereinander kaum kennen - eine sehr enge Verbindung miteinander eingehen. Das passiert auf eine sehr spielerische Art und Weise. Da es wenig Zwang gibt, sondern ein Angebot sich selbst auszudrücken. Die Arbeit mit den Farben hilft den Menschen über sich selbst zu sprechen und dabei bestimmte Hemmungen abzubauen. Es ist immer leichter, von sich selbst zu sprechen, wenn man etwas hat, anhand dessen man das zeigen kann. Meine Stimmung heute ist "ich wähle dafür die rosa Karte, um das zu beschreiben". Diese Öffnung ist superschön zu beobachten und die kreative Energie, die daraus entsteht. Dadurch, dass ich auch kreativ arbeite, zum Beispiel mit vision boards, um zu schauen, wo die Ziele sind. Man kommt aus dieser für uns sehr üblichen verkopften Arbeit hinaus. Es wird mit viel Leichtigkeit etwas erschaffen, was auch nachhaltig die Leute beeinflussen kann oder Menschen prägen kann.
11:10
Alex: Was mir aufgefallen ist: Es gibt natürlich inzwischen immer mehr Coaches grundsätzlich zu diversen Themen. Gerade für systemisches Coaching kenne ich persönlich selber auch schon inzwischen über eine Handvoll Leute, die diese Ausbildung gemacht haben. Vor ein paar Jahren kannte ich noch keinen. Das heißt, das ist schon ein bisschen inflationär. Findest du das auch?
11:30
Marie: Auf jeden Fall! Vor allem dadurch, dass das immer noch kein geschützter Begriff ist. Da ist es für mich als Psychologen mit Bachelor und Master UND Coaching-Ausbildung auch manchmal ein bisschen hart. Da sich ja nach wie vor jeder Coach nennen kann, was natürlich genau diese Inflation begünstigt.
11:53
Alex: Ja, liebe Hörer und Hörerinnen von Ohrbeit: Das war es mit dem Interview mit Marie. Gerade an die letzten Sekunden möchte ich nochmal anschließen und zwar das Thema Coaching und die Inflation, die da entstanden: Seht ihr das auch so? Fände ich sehr spannend, wenn wir darüber zum Beispiel bei LinkedIn oder Instagram, Twitter, Xing, was auch immer darüber diskutieren können, wie ihr das empfindet. Denn das ist ein Thema, was mir schon immer irgendwie auf den Nägeln brennt: Ich habe das Gefühl, dass das in den letzten Jahren enorm gestiegen ist und tatsächlich auch immer noch so weitergeht. Ich bin gespannt und wir hören uns bald wieder! Euer Alex vom Ohrbeit-Team.
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