Fertility Benefits – wenn der Arbeitgeber die Kinderwunschbehandlung zahlt

Ein unerfüllter Kinderwunsch stellt für viele Menschen eine große Belastung dar.
Wir fragen uns in diesem Artikel, ob der Arbeitgeber der richtige Partner ist, um solche privaten Wünsche zu erfüllen und setzen uns mit Fertility Benefits auseinander.

 

Fertility Benefits für den Kinderwunsch am Arbeitsplatz

 

Langsam aber sicher wird das Thema ungewollte Kinderlosigkeit aus dem Tabu geholt. Menschen sprechen offen über Kinderwunschbehandlungen und in der Altersstufe zwischen 25 und 45 haben die meisten Menschen bereits Kontakt  mit diesem Thema gehabt.

Entweder waren sie selbst betroffen oder kennen Menschen, die sich Kinder wünschen, aber auf natürlichem Wege (was ist bitte „natürlich“?) keine Kinder bekommen. Die Kinderwunschkliniken in Deutschland haben lange Wartelisten. Die moderne Reproduktionsmedizin macht unfruchtbaren Paaren berechtigte Hoffnung auf das Wunschkind. Wir freuen uns für diese Menschen. Und der Herrgott freut sich über jedes Kind!

 

Psychische Belastungen auf dem Weg zum Wunschkind

 

Aber dieser Weg ist meist steinig: Kinderwunschbehandlungen sind mit großem Zeitaufwand und hohen Geldeinsatz verbunden. Zwar übernehmen die Krankenkassen (bei verheirateten Paaren) ca. 50% der Kosten einer solchen Behandlung, aber trotzdem geht der Anteil, den man selbst zahlen muss schnell in den fünfstelligen Bereich.

Neben diesen hard facts sind die negativen psychischen Implikationen eines unerfüllten Kinderwunsches bei den Betroffenen nicht zu vernachlässigen. Selbstzweifel, enttäuschte Hoffnung oder Trauer in Verbindung mit unerfüllten Träumen beeinträchtigen das gute Leben.

Die negativen psychischen Implikationen können auch die Arbeitsleistung beeinflussen…aber es gibt ja Fertility Benefits für den Kinderwunsch am Arbeitsplatz: Firmen lassen sich natürlich was einfallen, um die Menschentierchen fit und froh zu halten.

Sowohl in den USA, als auch in Großbritannien sind fertility benefits deutlich üblicher als in Deutschland. In den USA liegt das natürlich auch an den kaum vorhandenen Krankenversicherungsstrukturen. Privates und Berufliches sind dort generell vernetzter. Die Vor- und Nachteile solcher Benefits für den Kinderwunsch disuktieren wir in diesem Artikel.

 

Fertility Benefits and Family Building

 

Fertility Benefits oder Family Building Benefits sind Leistungen, die von Unternehmen für ihre Mitarbeiter*innen im Zusammenhang mit Fruchtbarkeit und reproduktiver Gesundheit angeboten werden. Boah was für ein toller Arbeitgeber, der mich sogar unterstützt, dass ich in die Elternzeit verschwinden kann … nun Vorsicht ist geboten.

Konzerne machen eigentlich nichts was ihnen am Ende nicht mehr Wachstum verspricht, sie sind ja keine sozialen Einrichtungen. Die Leistungen fürs Kinderkriegen können verschiedene Formen haben und es ist wichtig genau zu unterscheiden, es geht nämlich nicht per se um die großen Scheine für eine finale teure In-vitro-Fertilisation (IVF).

 

Verschiedene Formen von Kinderwunsch-Benefits

 

> Bezahlte Freistellungen für Termine zu einer Kinderwunschbehandlung oder -beratung
Manchen Firmen bieten gezielt bezahlte Freistellung für Termine in Zusammenhang mit dem Kinderwunsch an

> Kostenlose Beratung und Unterstützung
Unternehmen bietem kostenlose Beratungsdienste oder Unterstützung bei Fragen zur Familienplanung und reproduktiven Gesundheit an.

> Bezahlung oder Versicherungsabdeckung für Fruchtbarkeitsbehandlungen
Einige Unternehmen bieten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Versicherungsschutz oder direkte Bezahlung für Fruchtbarkeitsbehandlungen, wie zum Beispiel IVFs, an.

 

Eine offene Kultur als Basis

 

Diese Maßnahmen müssen eingebettet sein in ein Klima der Offenheit, viele Unternehmen, die fertility benefits anbieten haben eine entsprechende Richtlinie im Umgang mit diesem Thema (fertility policy). Auch die Führungskräfte müsse sensibilisiert und geschult sein.

Hier geht es halt nicht um die nächste dicke Dieselkutsche vor der Tür, sondern um eine wirklich persönliche Sache, die eventuell verbunden ist mit psychischer Belastung.

Wir gehen kurz auf die Vor- und Nachteile von Fertility Benefits am Arbeitsplatz ein, um uns dann die moralischen Fragen, die dieses Thema aufwirft,  ganz konkret anzuschauen.

 

Vorteile für Firmen

 

  1. Mitarbeiterzufriedenheit und -bindung:

Die Bereitstellung von Fertility Benefits kann die Mitarbeiterzufriedenheit erhöhen und dazu beitragen, hochqualifizierte Fachkräfte zu gewinnen und zu halten. Unterstützung (bei einem Kinderwunsch) zu bekommen, kann sehr dankbar machen. Wenn der kleine Finn oder die kleine Mia mit (finanzieller) Hilfe des Arbeitgebers das Licht der Welt erblickt hat, dann kann das vielleicht sogar ungesund loyal machen. Wer zahlt schafft an?

  1. Chancengleichheit:

Fertility Benefits können dazu beitragen, die Chancengleichheit am Arbeitsplatz zu fördern, indem sie Mitarbeitern unabhängig von ihrem Geschlecht oder ihrer sexuellen Orientierung die gleichen Chancen zur Familiengründung bieten. Auch hier stellt sich gleich wieder die Frage: Was ist mit den Chancen auf Unterstützung, wenn ich mein Geld lieber in eine Vasektomie, Ganzkörpertattoos oder ne Wärmepumpe stecke als in Kinderkriegen?

 

Nachteile für Firmen

 

  1. Kosten
    Die Bereitstellung von Fertility Benefits kann für Arbeitgeber teuer sein, insbesondere wenn sie umfassende Leistungen abdecken. Firmen müssen Ausfallzeit, Kinderkrank sein und andere Folgen einrechnen.
  2. Diskriminierung
    Einige könnten argumentieren, dass die Bereitstellung von Fertility Benefits andere Mitarbeiter benachteiligen kann, die keine reproduktiven Gesundheitsleistungen benötigen oder wünschen (siehe oben Chancengleichheit)
  3. Moralische Bedenken
    Es gibt auch moralische und ethische Bedenken im Zusammenhang mit reproduktiven Gesundheitsleistungen, dazu gleich noch mehr.

 

Wichtig ist an dieser Stelle zu erwähnen: Viele Fertility Benefits können anonym zu Verfügung gestellt werden, somit wird ein gewisser Abstand zur Privatsphäre gewahrt. Dennoch muss man sich die Frage stellen, wieviel Nähe zwischen Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden gut ist.

Als Vorteile für Angestellte sehen wir neben der Kostenübernahme vor allem das Problembewusstsein ihres Arbeitgebers gegenüber der Thematik. Eine daraus resultierende Unterstützung, egal welcher Form, ist positiv.

Negativ kann für Mitarbeitende die zu große ungewollte Nähe zur Arbeitgeberin sein. Auch eine moralische Abhängigkeit gegenüber demjenigen, der einem (finanziell oder anderweitig) geholfen hat sich zu reproduzieren kann entstehen.

 

Wieviel Nähe will ich zwischen meinem Unternehmen und mir?

 

Es ist toll, wenn ein Unternehmen an seinen Mitarbeiter*innen interessiert ist. Wir finden es auch toll, wenn Unternehmen eine gewisse professionelle Distanz wahren. Themen wie Fruchtbarkeit, Gesundheit, religiöse Gepflogenheiten oder parteipolitische Präferenzen müssen am Arbeitsplatz nicht zwingend präsent sein.

Die Erwartung in allen persönlichen oder politischen Bereichen „Farbe zu bekennen“ ist in vielen Arbeitskontexten unangebracht, dafür gibt es andere Orte.

Fertility Benefits sind durchaus mit Vorsicht zu genießen und man sollte nicht gleich „Hurra“ schreien, sondern sich gut überlegen, welche moralischen Bedenken im Zusammenhang mit solchen Leistungen auftreten können – vor allem erscheint uns wichtig, dass solche Benefits äußerst reaktiv gehandhabt werden sollten.

Der Arbeitnehmer oder die Arbeitnehmerin entscheidet sich für etwas und wird nicht durch eine vermeintlich „offene“ Kultur gedrängt private Informationen preiszugeben. Es gibt auch weitere moralische Fragen.

 

Moralische Fragen, die Unternehmen bedenken müssen

 

  1. Gerechtigkeit und Gleichheit
    Fertility Benefits begünstigen diejenigen, die reproduktive Unterstützung benötigen. Andere Mitarbeiter*innen ohne diese Bedürfnisse können sich benachteiligt fühlen. Kann ich meine Haar-Transplantation auch zahlen lassen? Im Vertrieb muss ich doch jung und dynamisch aussehen…könnte sich auch rechnen für die Firma. Genug polemisiert: Wenn die Ressourcen des Unternehmens begrenzt sind, stellen sich Verteilungsfragen. Wäre ein offener gestaltetes Mental Health & Medical Treatment Budget gerechter?
  2. Diskriminierung

Die Bereitstellung von Fertility Benefits könnte als diskriminierend gegenüber Mitarbeiterinnen ohne Kinderwunsch oder gegenüber solchen, die aus religiösen oder moralischen Gründen reproduktive Behandlungen ablehnen, angesehen werden. Fühlen sich Menschen, die solche Behandlungen ablehnen diskriminiert? Kann ich mir für die 10.000 Euro auch einen schicken Züchtungshund rauslassen für meine Psychohygiene?

  1. Werte und Moralvorstellungen

Ein Unternehmen könnte moralische Konflikte auslösen, wenn die bereitgestellten Leistungen bestimmten moralischen oder religiösen Überzeugungen widersprechen. Angestellte könnten beispielsweise aufgrund von religiösen Überzeugungen gegen bestimmte reproduktive Verfahren sein, die das Unternehmen jedoch abdeckt. Ein Unternehmen muss sich fragen: Welche Werte repräsentieren wir? Bei diesem persönlichen Thema können Konflikte entstehen, die dann auch ausgetragen werden müssen - das sollte vorher klar sein.

  1. Kosten und Verteilung von Ressourcen

Unternehmen müssen abwägen, wie sie ihre begrenzten Ressourcen verteilen. Die Kosten für Fertility Benefits könnten die Gesundheitsversorgung für alle Mitarbeiter beeinflussen und zu moralischen Bedenken hinsichtlich der gerechten Verteilung von Unternehmensressourcen führen (siehe Punkt 1)

  1. Arbeitsplatzkultur:

Die Einführung von Fertility Benefits kann die Arbeitsplatzkultur beeinflussen. Mitarbeiter könnten das Gefühl haben, dass ihre Arbeitgeber sich zu sehr in ihre persönlichen Angelegenheiten einmischen, was moralische Bedenken hinsichtlich der Privatsphäre aufwerfen könnte.Hier kommt die oben erwähnte Reaktivität ins Spiel.

Wenn ein Unternehmen seinen Mitarbeiter*innen Fertility Benefits ermöglichen möchte, dann sollten die genannten ethischen Kategorien mitgedacht werden.

Manchmal kann es klug sein, nicht jegliche Vewebung zwischen privater und beruflicher Sphäre mit einem lauten Hurra zu fordern.

Ob man sich als Unternehmen einen Gefallen tut Fertility Benefits als Talentmagnet wahrzunehmen, wagen wir zu bezweifeln. Wer will ein Talent, das anfängt bei einer Firma und direkt sagt: Klasse, danke für den Vertrag, ich würde nach meiner Probezeit, dann direkt mit einer von euch finanzierten IVF loslegen…ihr seid klasse!
Fertility Benefits sind wohl eher etwas für langfristige Mitarbeiter*innenbindung.

 

Offene Kultur hängt an den Menschen und kann nicht verordnet werden

 

Fraglos ist: Eine Personalabteilung und Führungspersonen sollten ihre Mitarbeiter*innen mit ihren Bedürfnissen und in ihrer Lebensplanung (mit oder ohne Kind) ernst nehmen. Vertrauensvolle Beziehungen sollten angeboten, aber nicht erwartet werden.

Wenn sich eine Mitarbeiter*in mit privaten Themen an die HR oder ihre Führungskraft wendet, dann sollten die Ohren offen sein und gemeinsam Lösungen für private Probleme gefunden werden.

Eine solche Kultur der Offenheit wird getragen durch die richtigen Menschen und kann nicht verordnet werden, egal wie cool die Benefits sein mögen…Firmen können meterlange Liste an woken Benefits haben, wenn die menschlichen Werte im persönlichen Umgang auf der Arbeit nicht von den Mitarbeiter*innen gelebt werden, dann helfen auch keine noch so großen Benefits.

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